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Siggener Aufruf

Der Siggener Kreis: Wer sind wir?

Der Siggener Kreis versteht sich als Denkwerkstatt und Impulsgeber für die Weiter­entwicklung der Wissenschaftskommunikation. Während der zweiten Tagung im April 2014 haben wir – ohne Auftrag oder Mandat unserer Institution – mit Unterstützung des ZEIT-Verlags und der Alfred Toepfer Stiftung auf dem Holsteinischen Gut Siggen über Themen und Tendenzen sowie anstehende und notwendige Veränderungen der Wissenschafts­kommunika­­tion diskutiert. Wir arbeiten in Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Wissenschaftsakademien, Verwaltungen, Förderinstitutionen, Initiativen, Agenturen, Unternehmen und Redaktionen als Kommunikationsbeauftragte und -manager, Referenten, Berater, Wissenschaftler und Journalisten. Um gemeinsame Anliegen der Wissenschafts­kommunikation voranzubringen, scheint uns ein institutionenübergreifendes Verständnis und ein Bündeln der Aktivitäten erforderlich – im Bewusstsein der teilweise unter­schiedlichen Interessen, Motive und Prioritäten.

Dieses Positionspapier haben die Teilnehmer der Tagung gemeinsam verfasst. Wir wollen damit Veränderungen in der Wissenschaftskommunikation in Bezug auf die Schnittstellen und Reibungszonen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bewirken. Dabei konzentrieren wir uns auf die wachsenden Ansprüche der Bürger und deren Auswirkungen auf die Wissen­schaftskommunikation.[1]

 

Ausgangspunkt

Wir leben in einer Wissenschaftsgesellschaft. Wissenschaft prägt alle Bereiche des privaten und gesellschaftlichen Lebens. Sie ist Grundlage sowie Instrument für politische, wirtschaftliche und persönliche Entwicklungen und Entscheidungen. Wissenschaftliche Erkenntnisse wandern in Form von neuen Technologien und Verfahren mit wachsendem Tempo und in größerem Umfang in die Gesellschaft ein. Gleichzeitig beobachten wir eine immer weiter zunehmende Komplexität und disziplinäre Differenzierung der Wissenschaft bei wachsender Vernetzung und fächerübergreifender Kooperation. Für einen Teil der Öffentlichkeit sind wissenschaftliche Zusammenhänge immer weniger verständlich – oder werden nicht verständlich genug gemacht. Es wird damit schwieriger, Chancen und Risiken abzuwägen und mögliche Konflikte zu erkennen. Wissenschaft muss sich erklären.

Werden manche Bürger von diesem Prozess also abgekoppelt, entwickeln andere ein neues, kritisches Bewusstsein gegenüber der Wissenschaft. Immer mehr sehen sie sich nicht nur als Nutzer oder Rezipienten, sondern als Akteure. Sie wollen Einfluss nehmen. Ob als Blogger, Leserbrief-Schreiber oder Kommentatoren im Web, in kritischen Diskussions­foren, Bürgerinitiativen oder als Bürgerwissenschaftler in Citizen-Science-Projekten: Bürger können Wissenschaft befördern und verhindern, Vertrauen bilden und entziehen.

Diese Entwicklung weist der Wissenschaftskommunikation innerhalb der Wissenschafts­gesellschaft eine größere Verantwortung zu.

 

Rollen und Akteure

Wissenschaftler sind die Hauptakteure der Wissenschaftskommunikation. Sie können und müssen Wissenschaft glaubwürdig, authentisch und fachlich richtig kommunizieren. Ihr Wissen und ihre Deutungshoheit implizieren eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Kommunikatoren sind Manager der Wissenschaftskommunikation. Sie priorisieren und akzentuieren Themen und moderieren Dialogprozesse. Sie schaffen Räume und Möglich­keiten zur Kommunikation zwischen Bürgern und Wissenschaftlern. Sie sind für die Entscheider im Wissenschaftssystem Seismografen für gesellschaftliche Entwicklungen mit Relevanz für die Wissenschaft. Sie fördern die Weiterentwicklung der Wissenschafts­kommunikation und stellen die Qualität ihrer Arbeit auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und strategischer Konzepte sicher.

Journalisten verstehen sich als Anwälte der Öffentlichkeit. Sie beobachten, kommentieren und bewerten sowohl die Wissenschaft selbst als auch die Qualität der Wissenschafts­kommunikation.

Das Verhältnis dieser Hauptakteure der Wissenschaftskommunikation zueinander unterliegt einem stetigen und schnellen Wandel. Die Wissenschaft erreicht die Öffentlichkeit vielfach direkt und ungefiltert. Gleichzeitig wird die einordnende Stimme der Medien schwächer. Damit wird eine unabhängige und sachkundige Vermittlung der Wissenschaft an die breite Öffentlichkeit zu einer wachsenden Herausforderung.

Im Sinne der Orientierung und Qualitätssicherung benötigt die Wissenschaft den Wissenschafts­journalismus und andere, neue Vermittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die Wissenschaftskommunikatoren müssen sich aktiv in einem strategischen Prozess gemeinsam mit den anderen Akteuren für die Gründung oder Neuorientierung solcher intermediärer Organisationen einsetzen. Die immer institutionell gebundene Wissenschaftskommunikation kann die externe kritische Beobachtung und Begleitung der Wissenschaft durch den Wissenschaftsjournalismus nicht ersetzen.

 

Strukturwandel im System Wissenschaft

Die gesellschaftliche Bedeutung und die öffentliche Förderung der Wissenschaft verpflichten zur Kommunikation. Wissenschaftskommunikation ist also ein Teil wissenschaftlicher Arbeit. Dies setzt die Ausbildung, Förderung und Anerkennung der Kommunikation von Wissenschaftlern voraus und erfordert daher die folgenden strukturellen Änderungen des Wissenschaftssystems:

Die Qualifikation der Wissenschaftler zur Kommunikation ist Bestandteil der wissenschaftlichen Ausbildung und muss deshalb im Curriculum verankert sein. Weiterbildung in der Kommunikation muss im Rahmen der Personalentwicklung der Hochschulen und Forschungseinrichtungen angeboten werden.

Kommunikation ist gleichzeitig Teil der Förderung von Wissenschaft. Hochschulen, Forschungsinstitute und Fördereinrichtungen müssen die erforderlichen Strukturen und Ressourcen bereitstellen. Wissenschaftler, die sich in den Dialog mit der Öffentlichkeit einbringen, verdienen besondere Unterstützung und Wertschätzung. Diese sollen sich auch in der nachvollziehbaren Berücksichtigung ihrer Kommunikationsleistungen in den Be- und Entlohnungssystemen der Wissenschaft ausdrücken.

Wichtigste Partner der Wissenschaftler in der Kommunikation sind die Kommunikations­manager in den Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie vermitteln Kontakte, begleiten und beraten die Wissenschaftler in methodischen und strategischen Fragen. Als Vermittler zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Institution müssen sie einerseits höchste professionelle Standards sicherstellen, andererseits Mitglieder in den Entscheidungsgremien ihrer Einrichtungen sein.

 

Qualität in der Wissenschaftskommunikation

Hohe Erwartungen richten sich nicht nur an die Wissenschaftler und das Wissenschafts­system, sondern auch an die Wissenschaftskommunikation:

Wissenschaftskommunikation arbeitet wertegeleitet und strategisch. Ihre Prozesse und Produkte werden nach definierten Qualitätskriterien gestaltet. Diese Kriterien basieren auf Wertediskussionen, forschungsbasierten Erkenntnissen sowie Erfahrungen aus der Praxis. Ob sich die Qualitätsstandards in der Wissenschaftskommunikation durchsetzen können, ist davon abhängig, in welchem Umfang sich die wissenschaftlichen Institutionen auf diese Standards verpflichten.[2]

Für eine bessere empirische Fundierung soll Wissenschaftskommunikation selbst verstärkt erforscht werden. Forschungsergebnisse werden dokumentiert und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Die Qualitätskriterien werden in der praktischen Arbeit kontinuierlich implementiert, überprüft und weiterentwickelt. Wissenschaftskommunikatoren nutzen dazu eigene und externe Expertise.

Das Berufsbild des Wissenschaftskommunikators wird systematisch beschrieben und geschärft. Die kontinuierliche und professionelle Aus- und Weiterbildung für Wissenschafts­kommunikatoren aller Bereiche ist selbstverständlich.

Wissenschaft ist international und arbeitet über die Grenzen von Fächern und Institutionen hinaus. Entsprechend sind auch die Themen, Trends und Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation international und institutionenübergreifend. Wissenschafts­kommunikation benötigt eine bessere internationale Vernetzung, um von anderen Fallbeispielen zu lernen und gemeinsam internationale Standards zu diskutieren und auszuarbeiten.

 

Wissenschaft in der Gesellschaft

Wissenschaft entwickelt sich immer schneller und komplexer. Neue wissenschaftliche Entwicklungen halten Einzug in unseren Alltag und bedürfen der Erklärung und der Rückkopplung mit den Bürgern.

Gleichzeitig werden durch Entwicklungen in Umwelt und Gesellschaft neue Ansprüche an die Wissenschaft gestellt: Bei der Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen bedarf es immer häufiger wissenschaftlicher Expertise und Innovation. Wissenschaft soll dafür die Grundlagen erarbeiten; Szenarien und Handlungsoptionen aufzeigen.

Wissenschaft beansprucht daher in besonderer Weise das Vertrauen der Bürger und ihrer demokratisch gewählten Repräsentanten und Entscheidungsträger auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Für die Wissenschaftskommunikation ergeben sich daraus die folgenden Konsequenzen:

Die Bürger müssen zu einem frühen Zeitpunkt in wissenschaftliche Entwicklungen einbezogen und zur faktenbasierten Diskussion befähigt werden. Dafür ermöglicht die Wissenschaftskommunikation Dialoge, in denen Bürger Meinungen einbringen, Wissenschaft beraten und sich an Entscheidungen beteiligen können. Sie verhindert Alibi-Diskurse und macht ebenso die Möglichkeiten und Grenzen des Einflusses der Bürger transparent.

Es ist eine wichtige Aufgabe der Wissenschaftskommunikation, die im Rahmen der wissenschaftlichen Politik- und Gesellschaftsberatung erarbeiteten Handlungsoptionen im Dialog mit der Gesellschaft zugänglich und verständlich zu machen.

Mit dem Siggener Aufruf möchten wir 15 Jahre nach dem PUSH-Memorandum den bereits begonnenen Wandel in der Wissenschaftskommunikation deutlich machen und neue Herausforderungen benennen. Damals wurde klar: Die Gewinnung von qualifiziertem Nachwuchs und die Begeisterung für Wissenschaft sind wichtige Aufgaben der Wissenschaftskommunikation. Heute müssen und wollen wir die Bürger bei der Weiterentwicklung der Wissenschaft einbinden. Wir wollen

 

  • Wissenschaft verständlich machen und erklären,den Bürger und seine Rolle in der Wissenschaftskommunikation stärken

  • einen qualifizierten Dialog mit den Bürgern ermöglichen, dessen Ergebnisse als wichtige Rückmeldung in der Wissenschaft wahrgenommen werden,

  • Wissenschaftler als die zentralen Akteure der Wissenschaftskommunikation für diesen Dialog qualifizieren und motivieren,

  • hohe Standards für die Manager der Wissenschaftskommunikation setzen und weiterentwickeln und

  • ein strategisches Zusammenwirken aller Akteure der Wissenschaftskommunikation bewirken.

 


[1] Wann immer wir in diesem Text von Menschen sprechen, meinen wir selbstverständlich gleichberechtigt Frauen und Männer. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit beschränken wir uns in der Regel auf die zurzeit noch häufiger gebrauchte männliche Form.

[2] Ein Diskussionspapier für Kriterien guter Wissenschaftskommunikation ist als Teil des Siggener Aufrufs diesem Papier beigefügt.

Opens internal link in current windowDer Siggener Kreis, im Juni 2014